Rezension von Uwe Hassler, 11.03.2026
Luis Kohlmann muss sich entscheiden, zwischen Leben und Literatur. Bevor sich dieser Konflikt in der zweiten Hälfte des Romans spannungsreich entfaltet, tröpfelt die Handlung in der ersten Hälfte scheinbar harmlos daher. Tatsächlich aber braut sich eine Atmosphäre aus Bedrohung und Trauer zusammen, während der Held vordergründig seinem Beruf als Erzieher gewissenhaft nachgeht.
Philipp von Bose meistert seinen Debütroman mit großer Souveränität und spielerischer Freude, die auch im Mut zu poetischen Ausflügen und sprachlicher Raffinesse Ausdruck finden. Einige Reflexionen und Lebensweisheiten, die der Autor seinem Helden in den Mund legt, fand ich überflüssig in diesem mich sonst sehr überzeugenden Buch.
Rezension von Jonas Zauels, 21.02.2026
Der Erzähler Luis Kohlmann befindet sich in einem Zwiespalt zwischen Beruf und Berufung. Und auch der Roman selbst steckt in diesem Zwiespalt – doch dazu später mehr.
Luis ist Erzieher in einer Kita und leistet dort herausragende Arbeit. Es fehlt ihm weder an Empathie noch an Geduld oder kreativer Methodik („Wie war es, ein Kind zu sein? Diese Frage stellte ich mir immer wieder.“ S. 11). Auch mit den Eltern versteht er sich ausnahmslos gut, und zusammen mit Kollegin Anna wird die Einrichtung zu einer Oase der Fürsorge: „Ich sprach von ihrer [Annas] warmen Ruhe, ihrem direkten und innigen Draht zu den Kindern, wie verschieden diese Kinder auch immer sein mochten. Ich sprach von ihrer sanften Ausstrahlung und ihrem Talent, ihre Festigkeit durch spielerische Methoden umzusetzen.“ (S. 92)
Nun, eine Oase vielleicht nicht – denn diese setzt bekanntlich eine umgebende Wüste voraus. Auch privat könnte alles kaum besser sein: „Schließlich kam Katharina nach Hause und mit ihr ein Stück dieser wortlosen Ruhe, die sich durch Begrifflichkeiten wie heimelig
oder gemütlich nicht fassen lässt. Es war etwas Tieferes, etwas Grundsätzliches, das sich in mir verschob und mein ganzes Wesen in ein günstigeres Licht rückte.“ (S. 59)
Von Bose lässt kleinere Konflikte einfließen: mit einem alten Freund, mit der Kita-Leiterin. Doch sie dienen lediglich zur Unterstützung der Befindlichkeit des Erzählers. Und damit wären wir beim eigentlichen Kern des Buches. „Ich fühlte mich unwiderlegbar zur Literatur und dem Leben als Schriftsteller hingezogen. Genauso stark war der Wunsch, Kinder pädagogisch zu begleiten, ihnen etwas auf ihrem Weg mitzugeben und sie vorzubereiten auf die einschüchternde Vielschichtigkeit des Lebens.“ (S. 20) Dieser Konflikt überträgt sich vom Inneren ins Äußere und bringt das geregelte Leben des Erzählers aus der Bahn.
Die Stärke des Romans liegt in den subtilen Interaktionen zwischen den Kindern und dem Erzähler. „[…] sein Lachen ist hell und so unschuldig, dass es mich manchmal traurig macht, weil ich weiß, dass kein Erwachsener mehr so lachen kann.“ (S. 71) Oder: „Eine gewisse Verlorenheit … vielleicht ist eine gewisse Verlorenheit manchmal auch nötig […].“ (S. 9) Das Kind dient bei Bose als Ideal und als das höchste Gut, ein Zustand, den der Erzähler selbst zurückerlangen möchte: „Der Poet wird und ist immer Kind.“ (S. 117)
Der Roman – hier kommen wir zum angekündigten Zwiespalt – will kafkaeske Tragik mit goethescher Wahrhaftigkeit verbinden.
„Hierbei muss ich an das Leben Kafkas denken und wie oft mir seine Tagebücher schon Halt und Stütze waren. Am 19. Februar 1911 notiert Kafka: […] Nur ist eben für mich ein schreckliches Doppelleben, aus dem es wahrscheinlich nur den Irrsinn als Ausweg gibt.“ (S. 57), und weiter: „Die einzige Auszeichnung, die wirklich maßgeblich für Menschen wie uns ist, ist das Gefühl, etwas Gutes, etwas Wahrhaftiges geschaffen zu haben!“ (S. 201)
Dabei bleibt nach viel Anlauf, der sich wie ein Erfahrungsbericht eines Erziehers liest, nur noch wenig Raum für die Umsetzung der Handlung. Die verlängerte Einleitung zeugt von einer fundierten Kenntnis des Gegenstandes. Hier fühlt sich der Autor wohl und weiß zu erzählen. Die angestrebte Wahrhaftigkeit lässt sich womöglich am ehesten in diesem Teil finden. Weniger routiniert wirken dagegen die Versuche, dem Text eine Schwere, Tiefgründigkeit und Tragik zu verleihen, um an die oben genannten Vorbilder heranzureichen.
Der Roman überzeugt durch eine ehrliche Nähe zu seinem Gegenstand. Auch wenn nicht alle erzählerischen Ansprüche eingelöst werden, bleibt Kohlmanns Weg als aufrichtiger und aufmerksam beobachtender Text in Erinnerung.
Kohlmanns Weg ist nicht nur der Debütroman von Philipp von Bose, sondern auch das erste Verlagsprodukt im NeroVerlag. Einen Debütanten als Auftakt zu wählen, ist mutig und lässt auf ein spannendes und vielseitiges Verlagsprogramm hoffen.
Rezension von Peter Jabulowsky, 02.02.2026
Der Roman mit dem Titel „Kohlmanns Weg“ des jungen Autors Philipp von Bose ist ein beachtenswertes Werk. Es handelt von dem jungen Erzieher Luis in einer Kindertagesstätte, der von einer Karriere als Schriftsteller träumt.
Der Ich-Erzähler Luis Kohlmann arbeitet seit einigen Jahren in einem Team zusammen mit der Erzieherin Anna in der Kita. Er wohnt mit seiner Freundin Katharina zusammen. Beide haben die Absicht, eine Familie zu gründen. Luis bewundert den berühmten Lyriker Heinz Bergmann und überlegt, wie er dessen Unterstützung gewinnen könnte. Eines Tages erscheint der kleine Thomas in seiner Kita-Gruppe. Es ist der Sohn von Heinz Bergmann. Luis erhofft sich nun Zugang zu und Unterstützung von dem etablierten Schriftsteller. Der jedoch erwartet dafür von Luis das Versprechen, dass er das Geheimnis um seinen Sohn bewahrt.
Ein übergeordnetes Thema durchzieht dieses Buch von Anfang bis Ende. Das ist die Liebe zum Kind.
Den Handlungsverlauf bettet Philipp von Bose subtil in die Arbeit von Luis ein. Der Alltag in der Kita ist ausführlich und fachkundig in schöner Sprache erzählt, wobei der Autor interessante Einzelereignisse reichhaltig beschreibt. Zugleich lässt er uns an den Gefühlen von Luis und dessen Gedanken zur Schriftstellerei in beeindruckender Tiefe teilhaben. Dabei verwendet er treffende Metaphern und Vergleiche. Die Leser lernen die innere Befindlichkeit des Protagonisten kennen. Schon diese Beschreibungen allein, durchsetzt mit poetischen Passagen, sind eine literarische Freude.
Erst spät jedoch wird in der Erzählung die Frage deutlich, wie Luis mit der besonderen Situation des kleinen Thomas umgehen soll. Luis hat ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl und versucht, richtig zu handeln. Der Erzählstrang um Luis‘ Konflikt ist lange nicht in Sicht. Vielleicht hätte ein früher beginnender und eindringlicherer Spannungsbogen dem Roman noch mehr Reiz geben können.
Die auftretenden Charaktere sind authentisch und somit in ihrem Verhalten glaubhaft dargestellt. Dies gilt ebenso für die eingestreuten Dialoge, die den Handlungsverlauf auflockern und die Freude am Lesen nähren.
Insgesamt handelt es sich bei „Kohlmanns Weg“ um ein Werk, in dem die bereits vorhandene schriftstellerische Erfahrung des jungen Autors zu erkennen ist. Man darf dieses Buch mit Vergnügen lesen und dabei auf den nächsten Roman von Philipp von Bose gespannt sein.
Rezension von Sylvia Schmieder, 27.01.2026
Ein junger Autor mit gewaltigen Ambitionen.
Luis Kohlmann, ein alter, dem Sterben naher Mann, blickt auf ein schweres Kapitel seiner Jugend zurück. Damals war er als Erzieher in einer Kita tätig und träumte gleichzeitig von einer Karriere als Schriftsteller. Die Chefin, der Vater, der Freund – sie alle trauen ihm das nicht wirklich zu. Dann stößt der kleine Thomas zu seiner Kitagruppe, dessen Vater Heinz Bergmann ein berühmter Lyriker ist. Um jeden Preis will Bergmann vermeiden, dass die Öffentlichkeit von der Kinderdemenz seines Sohnes erfährt – deshalb seine eigentlich deplatzierte Unterbringung in einer gewöhnlichen Kita. Luis aber sieht es als seine Pflicht an, Thomas eine bessere Betreuung zukommen zu lassen. Bergmann macht ihm ein unmoralisches Angebot: Lyrikpreis gegen die Wahrung des Geheimnisses. Luis entscheidet sich für den Preis, gegen Thomas, worüber seine inzwischen schwangere Lebensgefährtin entsetzt ist. Sie verlieren ihr Kind. Und trennen sich. Doch Luis erreicht sein Ziel, bekommt den angesehenen Preis, der ihm zum Erfolg verhilft. Ein ungewöhnlicher, wagemutiger Plot, spannend konstruiert und insgesamt nicht unrealistisch, wenn man sich den Literaturmarkt unserer Gegenwart so ansieht. Interessant auch, dass der erst 26-jährige Autor Philipp von Bose sich in seinem ersten längeren Prosatext gleich an die Perspektive eines alten Mannes herantraut. Anderes hat wohl biografische Wurzeln: die Arbeit als Erzieher, der Traum vom Schriftstellerberuf, der schwierige Vater mit übergroßem Künstlerego … Der von Mathias Scherer und Dana Polz frischgegründete NeroVerlag in Wiesbaden ist mit dieser „unmoralischen“ Story eines Neulings gleich ins Risiko gegangen. Tatsächlich hat Philipp von Bose Talent, daneben Mut zu – teilweise provozierender – Eigenwilligkeit. Aber er hat auch noch zu lernen. Luis wird als liebevoller, engagierter, ja idealistischer Erzieher gezeichnet, der
auch eine andere Seite hat: Er fühlt sich „irgendwie schräg“. Der „Phantomsplitter“ im Kopf kann nur im Schreiben überwunden werden. Das ist psychologisch glaubwürdig dargestellt. Aber manches an der Geschichte wackelt. Es ist bei der Vielzahl von Zuschriften bei wichtigen Lyrikpreisen äußerst unwahrscheinlich, dass ein berühmter, vielbeschäftigter Lyriker sich an Luis‘ Namen erinnert, bevor auch nur eine Vorauswahl stattgefunden hat. Ebenso seltsam, dass Bergmann sein Erpressungsangebot so offen und plump formuliert. Und der Leser erfährt erst nach deutlich mehr als der Hälfte des Buches, dass der Ich-Erzähler seine Geschichte als alter Mann rückblickend verfasst – was für unnötige Irritationen sorgt. Von Boses Sprachduktus ist gehoben, differenziert, sensibel und konservativ. Es gibt schöne Bilder, so wenn er zu Bergmanns Erfolg als Lyriker schreibt: „… ich verfolgte diesen Erfolg, voll innerer Eindrücke und dem leise keimenden Setzling des Wetteifers.“ Insgesamt aber neigt er – noch? – dazu, das dichterische Pathos zu überdrehen. „Die Wunde in mir eiterte, als ich die von Spott gezeichnete Masse vor mir sah.“ „Das Licht schien das Gras zu exaltieren.“ Zur Figur Luis passt das zwar: Immerhin erzählt da jemand, der vom Vater ein chronisch überforderndes Künstlerbild vorgelebt bekommen hat, den unbedingten Glauben an Genie und Größe. „Steig direkt oben ein!“, verlangt dieser Vater. Eine gewöhnliche, und das heißt, eine geduldige, nicht vom Größenwahn getriebene Künstlerlaufbahn kommt für ihn nicht in Frage. Kein Wunder, dass Luis (selbst noch als alter Mann!) den ständigen Druck fühlt, sich einmalig, hochliterarisch, überwältigend auszudrücken. Und diese exaltierte Sprache wird nicht ironisiert, nicht in irgendeiner Weise zurückgenommen. Sie ist also auch die des Autors von Bose. Ich bin gespannt, wie dieser noch sehr junge Autor sich weiter entwickeln wird. Sein romantisches Künstlerbild kann zu Enttäuschungen auf allen Seiten führen. Andererseits wurzelt in diesem Bild auch echte, wie er schreiben würde: „wahrhaftige“ Leidenschaft für die Literatur. Und das ist viel in unserer Zeit.
Rezension von Edeltraud Glaab, 20.01.2026
Es gibt einen Film über Erich Maria Remarque mit dem Untertitel „Sein Weg zum Ruhm“ (2008). Darin nennt er auf die Frage, was ein Schriftsteller mitbringen müsse, um einen guten Roman zu schreiben, unter anderem folgende Grundvoraussetzungen: Wahrhaftigkeit, Empathie und eigene tiefe Erfahrungen.
Luis Kohlmann, der Protagonist des Romans „Kohlmanns Weg“ will wahrhaftig sein: in seinem Beruf als Erzieher gegenüber den Kindern, den Kollegen, den Eltern, in seiner Beziehung zu seiner Partnerin Katharina, wahrhaftig in seinem Schreiben. Und vor allem wahrhaftig gegenüber sich selbst. Ein Ideal, das in unserer aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung unter die Räder geraten ist. Ein Grund mehr, sich diesem Wert, diesem Ideal anzunähern. Und das tut der Autor Philipp von Bose gründlich, reflektiert, und der Leser spürt die Suche nach Wahrhaftigkeit auch in seiner Sprache. Sie ist wie der Meißel, der eine Skulptur freilegt und damit eine glaubwürdige, authentische Figur schafft: in diesem Fall den Protagonisten Luis Kohlmann in den Facetten seines reichen Innenlebens.
Worum geht es: Der Erzieher Luis Kohlmann, mit hoher emotionaler Intelligenz ausgestattet, ausgesprochen einfühlsam und empathisch, arbeitet in einer Kita und scheint seine Berufung gefunden zu haben. Wäre da nicht der tieferliegende Wunsch, seiner eigentlichen Bestimmung zu folgen und ein anerkannter Schriftsteller zu werden. „Du kannst dich nicht so dermaßen zerreißen, wenn es sich am Ende gar nicht lohnt. Du hast eine Beziehung mit einer tollen Frau … einen … zeitintensiven Beruf … und nebenbei möchtest du eine Familie gründen.“, warnt ihn sein Freund Andreas. (S. 53) Für Luis sind es „benzingetränkte Sätze“. Zwar kann er seine Ambitionen realistisch einschätzen, aber er wird von seinem Ziel nicht ablassen. Denn Schreiben ist für ihn unabdingbar, ist „das Leben erfahren“ – im Schaffen und im Scheitern. Dieses innere Spannungsverhältnis zieht sich durch den Roman wie in der Musik ein basso ostinato. Es ist nun einmal Kohlmanns Weg, der sich schon im Cover widerspiegelt: steil und steinig, der Weg zum Dichterthron. Und im Verlauf der Handlung wird klar, dass dieser Weg seinen Preis hat. Thomas, ein Neuzugang und Sohn eines berühmten Lyrikers, wird Luis´ Ideal der Wahrhaftigkeit auf die Probe stellen. Er bekommt vom Vater des Jungen ein Angebot, quasi als „Schweigegeld“ gedacht, welches den erstrebten Weg zur literarischen Anerkennung ebnen würde. Das Angebot gerät zum Fallstrick, und Kohlmann weiß nicht, wie er sich dem entwinden kann.
Was den Roman zusätzlich interessant und sehr lesenswert macht, sind die vielen eingearbeiteten Reflexionen: beispielsweise über die Kinderseele, über Freundschaft, Stille, Ehrlichkeit, Wertschätzung, den Status Sonderling, Neid, Wut, Männlichkeit, Einsamkeit, Rituale. „Dieses wundervolle Chaos muss kontrolliert werden – wie die Noten eines großen musikalischen Werkes sich an der Lineatur orientieren müssen.“ (S. 117) Diese Kontrolle gelingt dem Autor in besonderer Weise. Tatsächlich könnte man den Vergleich mit einem
musikalischen Werk ziehen. Die Erzählstränge (Kita, Beziehung, Schreiben, Identitätssuche, die Begegnung mit Thomas und dessen Eltern) gleichen Themen, die wie in der Musik vorgestellt und im Verlauf einer Sinfonie verarbeitet, also durchkomponiert werden. Die Reflexionen sind nicht nur eingestreute Eintagsfliegen, sondern sie folgen einer klar durchdachten Struktur. Sie sind wie eine einzelne Melodiefolge (dazu mögen atmosphärische Alltagsbeobachtungen zählen) oder ein angeschlagener Akkord (der „philosophische Montag“ ist ein solcher Akkord) und kehren wie in einer sinfonischen Dichtung variiert und moduliert immer wieder; erkennbar in der Wiederholung von Formulierungen in einem anderen Kontext und jeweils fortgeführt in sich vertiefenden Betrachtungen. Diese Reflexionen umspielen das Werk, bereichern, befruchten es und spiegeln Kohlmanns beschwerlichen inneren Weg und sein Lebensgefühl als Sonderling mit einem „Phantomsplitter“ behaftet und in „einer gewissen Verlorenheit“. Beides kursiv gesetzt wie so viele andere Stellen. Das Kursiv-Gesetzte mag dazu dienen, das feine, durchdachte Gewebe des Romans im Äußeren – ähnlich einer Partitur – sichtbar zu machen.
Eine Bandbreite menschlicher Gefühle tut sich auf, an vielen Stellen beeindruckend reif gezeichnet von dem jungen Autor Philipp von Bose. Er hält sein Konzept auf gleichbleibend hohem Niveau durch und schafft damit eine kraftvolle Komposition. Ja, der Roman hat Kraft und damit Sogwirkung auf den Leser. Und die Sprache schafft Klarheit und Schönheit.
„Man soll kämpfen, wenn es sich zu kämpfen lohnt, und man soll die Eigenheiten seiner Familie annehmen, da man sonst droht, einen großen Teil seiner eigenen Identität abzuwerfen, der im Schatten des Unterbewussten weiterlebt. Nichts ist schrecklicher als ein vergifteter Brunnen.“ (S. 160)
Erkenntnisse, Gefühle übersetzt in Bildsprache. Philipp von Bose kann die Sprache nicht nur gewandt benutzen, sondern man spürt an vielen Sentenzen eine wirkliche Liebe zur Sprache.
„Das Licht verzeiht verliebt der Nacht. Es stirbt und wacht für uns.“ (S. 93)
„Dennoch fühlte sich jedes Gespräch mit ihr an, als würde ich in Zeitlupe durch einen Rosenstrauch waten.“ (S. 23)
„Das Tor zur Welt lag angelehnt und schwer im Rahmen, sollte nie vollends aufgestoßen werden.“ (S. 101)
Herrlich auch: August, der Erhabene, „ein als Kind verkleideter Kita-Kritiker.“ (S. 85)
Zur Sprache eine Randbemerkung: Im ersten Teil stört manchmal – aber keinesfalls den Gesamteindruck noch das Leseerlebnis – ein Zuviel an Adjektiven.
Die besondere Liebe zur Sprache fließt bei von Bose zwangsläufig ins Gedicht. Er webt drei eigene in den Text ein. Hervorgehoben sei das mittlere Gedicht „Einbruchstelle“ (S. 96), vieldeutig und eine Art Menetekel für Kohlmanns Weg.
Ein Tipp an die Leser: Die genannten Gemälde sollte man unbedingt – falls nicht vor Augen – googeln! Denn nicht nur die Zeichnungen der Kinder fungieren – wie Luis Kohlmann es ausdrückt – als „Beichtstuhl“, sondern auch die der anderen genannten Gemälde, beispielsweise die, welche über seinem Schreibtisch hängen.
Mit einem Kunstgriff schafft von Bose Distanz zwischen Autor und Protagonist. Im Verlauf des Romans klärt sich, dass Kohlmanns Weg aus einer melancholisch gefärbten Lebensrückschau erzählt wird.
Um zum Schluss den Bogen zum eingangs erwähnten Erich Maria Remarque zu spannen: Hier ist ein junger Autor, Philipp von Bose, bereit, sich wahrhaftig mit Fragen des Lebens auseinanderzusetzen. Einer, der nicht ausweicht, sich nicht versteckt, nicht flüchtet, sondern sich stellt und standhält und neben Bildung und sprachlicher Versiertheit die nötigen Voraussetzungen für das Schreiben mitbringt. „Es gehört Technik dazu, es gehört Seele dazu, doch am meisten gehört die Suche nach Wahrheit dazu.“ (S. 201) Nicht zu vergessen die Kita-Kollegin Anna im Gespräch mit Luis: „Du trägst so viel in dir, dass ich mich manchmal frage, ob es dir wirklich nur um die Kinder geht oder ob da nicht vielleicht noch mehr ist.“ (S. 91)
Richtig, da ist noch mehr!
Rezension von Berndt Schulz, 30.12.2025
Ein Autor sucht den Erzähler.
Lesen Sie dieses Buch ab Seite 105 – und Sie werden begeistert sein! Fangen Sie vorher an, wird es Ihnen schlecht ergehen.
Dieser Autor besitzt einen kostbaren Schatz an Ressourcen. Er hat ein literarisches Feingefühl, und er besitzt Einblick in die Arbeit mit Kindern.
Welch ein Schatz an Stoffen! Und das heißt ja nicht nur, dass er beruflich mit Kindern zu tun hat, sondern dass er sich auch die größte Mühe macht, sie zu verstehen. Ja, aus ihrer oft hermetischen Sicht zu denken. Auf Seite 24-25 liefert er dafür ein gutes Beispiel – so könnte ein Kinderbuch für Erwachsene, nicht „über“ Kinder aussehen.
Wir verzeihen dem noch jungen Autor (geb. 1999), dass er Anfängerfehler begeht. Es sind nicht allzu viele!
Die größte Schriftstellersünde ist es, dass der Autor zu nahe am Text ist, und der Erzähler zu weit davon entfernt. Dann hören die Lesenden zu oft und zu lange die Autorenstimme. Jemand berichtet im Genre des Essays über seine Alltagserfahrungen. Anstatt dass ein unabhängiger Erzähler uns eine Geschichte erzählt – die uns packt.
Der Autor spricht also zu oft direkt zum Lesenden. Es gibt keinen eigenständigen Erzähler. So füllen die drängendsten Probleme des Autors die Seiten. Anstatt dass uns eine in Handlung aufgelöste Geschichte erzählt wird.
Dieses Buch ist aus diesem Grund ein literarischer Zwitter.
Auf S. 56 finden wir einen Satz, der das Credo des Autors sein könnte: „Ich möchte nicht mehr aussagen, als es auszusagen gibt.“ Das ist eine autobiografische Begründung, aber keine literarisch-erzählerische.
Aber was der Autor über den literarischen Schaffensprozess zu sagen hat, ist lesenswert.
Es ist nicht der erfundene Protagonist des Buches, sondern leider der Autor, der uns seitenlang bekannt macht mit den Anforderungen der Kindererziehung. Nach Art von Traktaten. Die Handlung steht dabei still.
Aber das Problem bei Lektüre und Kritik ist: Das Ganze ist gut geschrieben. Man weiß aber nie, ob man gerade den Autor oder den Erzähler vor sich hat. Ein solches Buch lässt sich also nicht gerecht beurteilen. Einen autobiografischen Text darf man nicht literarisch bewerten, einen literarischen Text nicht autobiografisch.
Zum erzählerischen Dilemma des Buches gehört dann eben auch, dass der Autor zu jeder Begebenheit einen Kommentar hinterherschickt. Besser wäre es, wenn sich die Autorenmeinung auflösen würde in Handlung – wie Eiswürfel in Limonade.
Etwa ab Seite 100 kommt mit dem Kind Thomas ein Hauch von Geheimnis und damit von Handlung und Dramatik ins Geschehen. Jetzt könnte es losgehen! Und es geht auch mit guten Szenen, dialogischen Miniaturen usw. los. Aber der Autor zeigt sich nicht in der Lage – oder ist nicht willens –, Figuren zu entwickeln, die eine Handlung tragen.
So bleibt es doch weitgehend bei der einzigen „Hauptfigur“ dieses Buches – dem Kommentar des Autors.
Diese Prosa wirkt oft wie Aufzeichnung aus einem Tagebuch. Und das berichtende „Ich“ ist nicht das erzählende Ich, sondern das egoistische Ich vor einem Spiegel.
Positives Beispiel: Ab Seite 105 fällt der Blick plötzlich auf das Kind Thomas und seine Hintergründe – und sofort entsteht Romanhandlung.
Ab hier zeigt sich, dass Philipp von Bose eine große literarische Begabung ist. Er weiß es nur nicht. Oder er traut der Sache nicht. Was er aber zu wissen scheint: Er will es unbedingt!

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